
Lang war ich ein Verfechter der schwarzen Scheiben. „save the vinyl“ stand schon zu Zeiten des Omens auf meiner Visitenkarte. Denn die ersten Bedenken zum Untergang der Schallplatte wurden bereits damals geäußert, nachdem die CD immer mehr auf dem Vormarsch war. In den Jahren danach holte diese zwar immer weiter auf bei den Deejays, was vor allem der Entwicklung der Clubtauglichen CD-Player zu verdanken war, aber die Vinylplatten konnte sie, was die Beliebtheit anging, nicht das Wasser reichen.
Ich selber mochte die CD überhaupt nicht. Mir fehlte als Deejay vor allem die grafische Übersicht eines Tracks. Klar bei Stücken die man in und auswendig kennt, da mag das egal sein. Doch bei neuen Sachen wäre dies schon von Vorteil gewesen, um damit wirklich richtig arbeiten zu können. Ausserdem hatten die meisten Clubs nicht die passenden CD-Player, um damit gut mixen zu können. Erst viel viel später wurde ein guter CD-Player standard im Club.
Von der CD hab ich also meine Finger gelassen und als die ersten Vorreiter anfingen digital aufzulegen, auch da hab ich die Finger noch davon gelassen. Zum Einen weil die Systeme noch nicht wirklich ausgereift und viel zu teuer waren und zum Anderen, weil 'digital' immer noch wie eine Sünde erschien. 15 Jahre lang war Vinyl mein Handwerkzeug, welches ich mit viel Zeit und Schweiß erlernt hatte. Doch ich beobachtete die Entwicklung auf dem Digitalsektor, den ich bin ein Technikbegeisterter. Gerade was Vorreiter wie Chris Liebing, Paul van Dyk, Richie Hawtin oder DJ Sasha in diesem Bereich vollführten verfolgte ich interessiert. Die Faszination mit Musik digital zu arbeiten war schon irgendwie da, doch ich blieb dem Vinyl weiterhin treu, denn der letzte Funke sprang nicht über. Bis letztes Jahr.
Ein Punkt, der mich vor allem abschreckte war der, dass die meisten Laptopdeejays bei Ihrer Performance nicht gerade viel hermachten. Es gab Berichte über einen DJ Sasha, der zwar technisch gesehen Wahnsinns-Sets ablieferte, er aber hinter seinem Laptop so sehr verschwand, dass sein Publikum sich fragte, ob er denn überhaupt anwesend sei. Der starre Blick auf den Bildschirm löste den Blick in den Plattenkoffer ab, dominierte aber bei vielen Deejays zu sehr. So betrachtet hat man, prozentual gesehen, zwar mehr von der Vorderseite des DJs, doch wenn da nur der Laptopbildschirm davor steht bringt es dem Publikum auch nicht wirklich viel. Dass der starre Blick bei einem Set nicht sein muss, davon hatte mich im Laufe der Zeit z.B. Peter Eilmes aka Plattenpeter mit seiner Performance am Pult überzeugt. Wer den Guten schon mal erlebt hat der weiß was ich meine. Da wird geschraubt und gemacht, dass es eine wahre Freude ist. Das war der Punkt, wo mein Interesse mehr und mehr geweckt wurden ist. Denn bei ihm sah es wie ein tolles Spielzeug aus, das ihm jede Menge Freude bereitete damit zu spielen.
Ich selbst bin schon recht früh ein Computermensch gewesen. Seit meiner Kindheit ist es für mich eine Selbstverständlichkeit mit diesen Geräten umzugehen. Dass ich im Berufsleben mal in der IT lande, war also vorherzusehen. Ich bin auch in vielen Dingen ein kleiner Geek und ich liebe es an Dingen rumzufingern und zu experimentieren. Es ist insofern also kein großer Sprung für mich eine Software zu lernen und zu verstehen. So wurde mit nach ein wenig Einarbeitung schnell klar, welches Potenzial in dieser Technologie des digitalen Bearbeiten von Musik steckt.
Ableton ist nun mein neuer 1210er und ein Midicontroller mit zig Knöpfen und Fadern mein neues Pult. Ein Jahr ist es jetzt her, dass ich mich entschloss mit dem digitalen Auflegen zu beginnen. Nach diesem Jahr kann ich ein Fazit für mich ziehen, das da lautet: Es war die beste Entscheidung, die ich seit Jahren getroffen habe. Die neuen Möglichkeiten der kreativen Entfaltung, haben in mir soviel neue Energie ausgelöst, wie ich sie zuletzt zu Amiga 500 Zeiten hatte, als ich mit Protracker meine ersten Stücke produzierte. Die Möglichkeit jeden Sound individuell einsetzen zu können haben mir eine riesige Spielwiese offenbart. Für mich als Tüftler, als Computerfreak und Geek ist dies einfach eine Sache, die mir wie auf dem Leib geschneidert ist. Endlich habe ich wieder einen Push gespürt, der mich mit meiner Musik noch mehr zusammenbringt und meine Gigs wieder interessanter gestaltet. Für mich selbst und somit auch für mein Publikum.
Auch wenn ich im Team zusammen mit meinem Deejaykollegen Steve Simon spiele und wir dabei Traktor nutzten, profitieren wir von der neuen Technik. Das Gefühl eine Vinylscheibe in der Hand zuhaben bleibt mit den Timecodevinyls erhalten. Reines digitales Auflegen und nur auf den Synchbutton drücken verkneifen wir uns. Denn so bleibt uns das Gefühl das wir kennen erhalten. Es ist eine Frage des Gefühls einen 1210er zu führen und die Vinyl, mit dem was darauf ist, zu spüren. Eben dieses Gefühl lieben wir und dennoch wollen wir auch gerne die Vorzüge der neuen Technologie nutzen. Eine Symbiose aus alt und neu ist dabei eintstanden.
Aber trotz aller Euphorie die ich verspüre gibt es aber auch einige Punkte, die nicht nur positiv sind. Eines der nervigsten Themen ist dabei der Aufbau eines digitalen Systems. Das Anschließen am Mischpult während noch ein anderer DJ am spielen ist, dass ist nicht nur für den spielenden DJ nervig sonder auch für den Aufbauer. Das nochschlimmere Anschließen und Wechseln, wenn der andere DJ auch digital spielt, dass ist noch eine Stufe nerviger. Ich hoffe, dass hier die Mischpulthersteller bald Neuerungen auf den Markt bringen. Am besten Pults die schon eingebauten Soundkarte haben und USB-Anschlüssen für mehrere Systeme. Der Deejay packt sich dann den Treiber vorher nur auf sein Gerät und muss nur noch ein USB-Kabel anschließen. Umschalten und alles ander erfolgt über das Pult. Doch bis es soweit ist sind die Clubs gefragt. Diese sollten anfangen in Vorbildfunktion ihr DJ-Pult entsprechend anzupassen. Denn eines ist Fakt wir werden keine Zeitreisen wieder zurück in die 90iger machen, als Vinyl only die Welt regierte.
Was noch zu den Negativeigenschaften zu zählen währe sind natürlich Ausfälle von Software und Hardware. Mir sind solche bisher zum Glück erspart geblieben, aber ich habe dies schon bei anderen Kollegen miterlebt. Doch so ist es nun mal mit Technik, sie wird immer etwas anfälliger sein als Mechanik. Was die Software an geht hilft oft schon ein gepflegtes Betriebsystem und aktuelle Treibersoftware. Übrigens muss es kein Apple sein oder MacOS. Ein guter mittelklasse Laptop mit XP oder Windows 7 tut es ebenso. Das kostet dann auch nur ein Drittel von einem Applerechner.
Das Plattenpacken als Ritus wird mit dem Digitalen abgelöst. Für mich war es jedenfalls immer eine Art Ritus. Jedes Mal vor einem Gig wurde der Plattenkoffer noch mal durchgeschaut und sortiert. Irgendwie war dies immer mit einem kribbeligen Gefühl verbunden. Jetzt heißt es aber Playlisten erstellen, sowie Tracks eventuell ein wenig bearbeiten. Das kann schnell gehen, doch es kann auch viel länger dauern als einfach nur mal ein paar Stapel Platten durchzuwühlen. Doch wenn man sich einmal organisiert hat, dann liegen auch hier die Vorteile auf der Hand: schneller Zugriff und saubere Ordnung lassen einen schnell finden was man benötigt. Ein Plattenkoffer kann nach nem Gig schon mal aussehen wie ein Schlachtfeld. Dies fällt mit den Playlists komplett weg.
Doch das nervigste was das Digitale mitbringt, das sind die gigabytegroßen Berge an MP3, die man monatlich durchhören sollte, um auf dem neuesten Stand zu sein. Es ist teils schier unglaublich welche Mengen tagtäglich ins Netz gestellt werden. Will man dieser Flut Herr werden, so muss man sich viel viel Zeit nehmen. Mitunter sind dabei Ermüdungserscheinungen schon mal vorprogrammiert.
Einen Vorteil gibt es aber noch, den man nicht unterschätzen sollte. Eigene, oder Produktionen von Freunden und Bekannten kann man schnell mal kopieren und in seine Sets mit einfließen lassen. Kein CD Brennen. Mail oder USB-Stick - fertig. Das ist perfekt um Stücke zu testen noch bevor überhaupt an ein Release gedacht wird.
So sehr ich auch die Vinyl und das Gefühl damit liebe, so bin ich doch sehr gespannt auf was für Ideen mich all diese Möglichkeiten der digitalen Bearbeitung von Musik in Zukunft noch bringen werden. Das gilt vor allem für meine Solosets mit Ableton. Fakt ist, dass ich den Schritt hin zum digitalen nicht bereut habe. Meine Plattensammlung werde ich aber dennoch nicht hergeben. Denn für Ausfälle aller Art ist Vinyl immer noch der Retter in der Not.
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Auf Grund eines zu hohen Spamaufkommens in den Kommentaren, wird jeder Kommentar vom Admin geprüft und freigegeben. Wir denken dies ist auch in Euerem Interesse, da Ihr sicher auch keinen Bock auf Werbung für gefälschte Gucci-Taschen, Potenzmitteln und anderen Dünnschiss habt.
Eure ToFa
28.04.2010 - 21:17:31 |
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21.01.2013 - 17:01:47 |
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