Seite 1: Wieso, weshalb, warum...
Was bewegt eigentlich einen DJ seine Sets so zu spielen, wie er es an dem Abend vollbringt??? Vielleicht hat sich der Ein oder Andere von euch genau diese Frage schon mal gestellt. Ich denke jeder DJ wird da vielleicht seine eigenen Ambitionen haben, aber ich kann Euch ja mal meine Erfahrung etwas näher bringen.
Es ist Samstag und ich habe an Diesem einen Gig im Tanzhaus West. Es ist eine besondere Party, eine Classic Night. Classics sind immer etwas sehr eigenes und jeder hat da wohl seine eigenen Ansichten, welches seine persönlichen Classics sind. Theoretisch kann man in so einer Nacht sein Set mit einem Hit nach dem anderen vollstopfen, denn in über 15 Jahre Techno-Kultur hat sich einiges angesammelt. Vor allem in den ersten Jahren gab es Tracks, die es zum Kultstatus geschafft haben. Doch wie beginnt man so eine Nacht ??? Diese Frage musste ich mir stellen, da mein Set das Opening war. Schon Wochen vorher kramte ich immer wieder in meiner Plattensammlung und stellte mir die ein oder andere Platte zur Seite. Irgendwie wurde aus diesen ganzen Platten erst einmal ein bunter Stapel aus den verschiedenen Styles. Von Techno, Acid bis Trance war alles dabei.
Klar war für mich, dass ich ganz ruhig anfangen wollten mit Tracks wie „The Day After“ und anderen Flächigen. Beim durchhören der etwas Technoideren und mit Acid versetzten Tracks erinnerte ich mich an die Zeit um 1993-95. Ich bekam Lust daraus ein sich immer weiter steigerndes Set zu basteln. Aber mir stellte sich dabei noch die Frage, ob es an dem Abend auch so funktionieren würde. Schließlich musste ich auch den Bogen bekommen. Denn um 23 Uhr, wenn es sich gerade füllt, kann man nicht gleich kräftig aus den Boxen ausgeteilt. Ich entschloss also, aus jeder Richtung einiges einzupacken. So hatte ich die freie Auswahl an dem Abend und konnte dennoch mit einer ganz eigenen Note die alte Zeit aufleben lassen. Ich kenne mich ja außerdem auch. Egal was ich mir im Kopf zurechtlege, es kommt fast immer ganz anders. So können Location wie auch das Publikum jedes Mal anders auf mich einwirken, auch wenn ich dort schon oft gespielt habe. Letztendlich lasse ich bei einem Opening am Anfang erst einmal fast schon Ambient laufen. Mit einer Platte nach der Anderen, werde ich aber dann beatorientierter und steigere so leicht die Bpm.
So war es dann auch an diesem Abend. Im Kopf hatte ich immer noch meine Vorstellung aus Technioden- und Acid-Sound, denn irgendwie hatte ich Lust dazu. Doch irgendwie wollte sich diese Vorstellung nicht in das wirkliche Bild einpassen. Die Lust ist eine Sache, aber wie der wirkliche Moment dann auf einen wirkt, dass ist eine ganz Andere. So kam es zum Schluss, dass keine der gedachten Platten auf den Teller landeten. Stattdessen entwickelte sich das Ganze in eine ganz andere Richtung. Flächig, melodisch und doch nicht zu flauschig und mit Kanten. Später enwickelte es sich immer mehr nach vorne, gespickt mit dem ein oder anderen unbekannten Beat eines Klassiker im Remixgewand. Funktioniert hat es und zu meiner Überraschung war das Set zwar etwas ganz anders als von mir erwartet, aber mein Publikum wie auch ich selber waren damit zufrieden. Erstaunlich war eben nur, dass ich von meiner Ursprünglichen Vorstellung komplett in eine andere Richtung gegangen war und das ohne das ursprüngliche Thema außer Acht zulassen… den alten Erinnerungen. Aber wenn ich mich mal so erinnere, so war das nicht das erste Mal, dass meine anfänglichen Vorstellungen dann doch nicht verwendet wurden. Es ist eigentlich immer wieder Interessant im nachhinein Revue passieren zu lassen, aus welcher Idee welches Set es letztendlich dann doch geworden ist.
Ich denke es ist einfach wichtig, sich von dem Abend und seinen Eindrücken leiten zu lassen und die meisten DJ´s werden dieses genauso als Inspiration nutzen. Ich denke, dass ist es auch was einen DJ ausmachen sollte. Ein Set wird im Grunde genau in der Minute geschrieben, wo der DJ am Teller steht. Alles andere wäre wohl auch fatal, denn könnte ein vor berechnetes Set mies in die Hose gehen. Ich weiß dies, da mein allererste größerer Auftritt 1994 so einer war. So ist es nicht unüblich, dass nicht nur auf der Seite des Publikums die Überraschung manchmal groß ist, sonder auch die auf der Seite des DJ´s, wenn ein Sets sich den Abend über entwickelt. Das macht es dann an diesem Abend für beide Parteien spannend und ich glaube, dass die Dynamik, die dabei entsteht auch das ist, was auf das Publikum überspringt und spürbar ist. Schließlich ist es vor allem das Publikum, dass dem DJ viel Inspiration gibt was als nächstes auf den Teller könnte. Ganz klar ist dabei nur, dass die Idee welche Platte als nächstes kommt, auch immer den eigenen Geschmack des DJ´s widerspiegelt und das Publikum nur Katalysator dafür ist. Dass man als DJ dabei selber neue Wege entdecken kann, kann ich nur bestätigen. Deswegen ist kein Abend wie der Andere. Es gibt aber Abende die sind einfach wesentlich spannender als Andere. Der Abend im Tanzhaus West gehörte auf jeden Fall mit zu diesen…